
Die lange Geschichte des Fahrwerkherstellers Reiger Suspension ist geprägt von Leidenschaft, Innovation und dem unermüdlichen Streben nach Perfektion im Offroad-Motorsport.

Firmengründer Gerard Seesing, ein begeisterter Motocross-Fahrer, begann in den 1970er Jahren in den Niederlanden mit dem Bau eigener Stoßdämpfer, weil er sich keine neuen leisten konnte. Aus ausrangierten Automobil- und Motorraddämpfern, viel Neugier und handwerklichem Geschick entwickelte er seine ersten Prototypen, die ihn prompt zu Rennsiegen führten.

Was als Einmannbetrieb begann, entwickelte sich über die Jahrzehnte zu einer der führenden Adressen für Offroad-Dämpfer. Heute sind bei Reiger über 70 Mitarbeitende tätig und der zur KW automotive zählende Fahrwerkhersteller beliefert Teams auf der ganzen Welt – darunter zahlreiche Weltmeisterteams und Werksteams.

Aus der ehemaligen Garage entstand über die Jahre eine Offroad-Fahrwerksmanufaktur, in der sich Motorsportprominenz und Autoindustrie die Klinke in die Hand geben.

Selbst Mohammed Ben Sulayem, damals noch aktiver Rallyefahrer und 14-facher Middle-East-Rally-Champion, klopfte Anfang der 1990er Jahre an die Tür von Reiger Suspension in Holland und erkundigte sich nach einem Fahrwerk für seinen Rallye-Ford. Zwischen 1983 und 2002 gewann der heutige Präsident der Fédération Internationale de l’Automobile (FIA), dem internationalen Dachverband des Motorsports, 61 internationale Rennen.

Im Laufe der Jahre wechselten immer mehr Rallye-Akteure auf Reiger-Dämpfer – darunter Legenden wie Juha Kankkunen, Carlos Sainz und Colin McRae. Letzterer gewann mit Reiger-Fahrwerk die legendäre Safari Rallye in Kenia und erzielte damals seinen 25. WM-Sieg. 1996 hatten die Reiger-Dämpfer in der World Rally Championship in Indonesien ihr Debüt. Seitdem arbeiten Ford und M-Sport eng mit Reiger zusammen.

So feierte Ford M-Sport mit Reiger 2006 und 2007 den Gewinn der WRC. 2017 und 2018 wurde dieser Erfolg in der WRC von Ford und Reiger wiederholt; in den Jahren 2022, 2023 und 2024 gewann Toyota Gazoo Racing gemeinsam mit Reiger die Herstellerwertung in der WRC.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in der erst seit 2022 ausgetragenen World Rally Raid Weltmeisterschaft (W2RC). Dort stellten bisher ausschließlich die Reiger-Offroadkunden die Gesamtsieger.

Auch im Rallycross, Trial-Wettbewerben, World RX, Euro RX und Super 1600 feierten die Kunden von Reiger zahlreiche Weltmeisterschaften, Meisterschaftssiege und noch mehr Podiumsplätze – ganz zu schweigen von der Rallye Dakar. Beispielsweise überquerten 2012 alle Top-10-Fahrzeuge nach den knapp 8000 Kilometern Distanz mit Reiger Dämpfer das Ziel.
Nicht nur im Sport sammelte Reiger Erfolge – auch technologisch wurde der Offroad-Fahrwerkhersteller zur Benchmark
Was Reiger so besonders bei seinen Wettbewerbsfahrwerken macht, ist die Einzelanfertigung. In enger Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Team oder Fahrer werden die Dämpfer individuell im Werk in Hengelo (Niederlande) gefertigt – mit einer Fertigungstiefe von 95 Prozent. Eine enge Verbindung zwischen Praxis und Entwicklung zieht sich durch die gesamte Unternehmensphilosophie.

Nach jeder Rallye Dakar oder WRC-Saison senden viele Teams ihre Dämpfer zur Analyse zurück. Jede Komponente wird geprüft, optimiert und fließt in die nächste Generation der Fahrwerke ein. Diese stetige Weiterentwicklung der Dämpfer und die Entwicklung neuer Ventiltechnologien machten Reiger zur unangefochtenen Nummer eins im Bereich der Offroad-Dämpfer.

So entstand durch die Zusammenarbeit mit Daniël Willemsen, einem siebenfachen Weltmeister im Seitenwagen-Motocross und ehemaligen Mitarbeiter bei Reiger Suspension, eine völlig neue Generation von feinjustierbaren Offroad-Dämpfern und Ventilen. Reiger entwickelte verschiedene degressive, progressive und regressive mechanisch-hydraulische Systeme, die zum Maßstab im Offroad-Motorsport wurden.

Beispielsweise führte man bei Reiger sogenannte Rebound Control Valves (RCV) bei den Dämpfern ein. Verliert ein Rad kurzzeitig den Bodenkontakt, etwa auf Wellblechpisten, passt das System die Zugstufendämpfung automatisch an. Das Rad federt dadurch schneller aus, was die Traktion auf schwierigem Untergrund deutlich verbessert. Das RCV greift ausschließlich bei fehlendem Bodenkontakt ein.

Es folgte die Einführung patentierter Corner Control Valves (CCV). Hier passt sich die Dämpfung beim Einlenken in Kurven an, um Wankbewegungen zu reduzieren. Das Ergebnis ist mehr Stabilität und höhere Kurvengeschwindigkeiten.

Mit der Vorstellung des Intelligent Compression Systems (ICS) verbesserte sich das Fahrverhalten bei Sprüngen und Landungen. Sobald das Fahrzeug abhebt, aktiviert das System automatisch eine speziell abgestimmte Dämpfung. Dadurch werden Landungen spürbar weicher, der Fahrkomfort steigt und die Traktion beim Aufsetzen deutlich verbessert.
Mit diesem System war auch der MINI ALL4 Racing von Guerlain Chicherit ausgerüstet, der 2013 den ersten Backflip ohne Hilfsmittel schaffte. Ein weiterer Technologiemeilenstein von Reiger ist das sogenannte Doppelkolbensystem (DP), das eine progressive Dämpfungskurve erzeugt, die sich an die jeweilige Position im Federweg anpasst.

Innerhalb des Dämpferhubs greift ab einem definierten Punkt ein zusätzlicher Kolben in den Hauptkolben ein. Ab diesem Moment steigt die Dämpfung spürbar an – ideal für große Stöße wie Sprünge, bei denen maximale Kontrolle gefragt ist.

Im Vergleich zum DP-System bietet das Hydraulic Dual Piston System (HDP) von Reiger eine sanftere, hydraulisch optimierte Übergangskurve in der Druckstufendämpfung. Dadurch erfolgt der Wechsel zwischen den Dämpfungsbereichen deutlich fließender. Auch arbeitet Reiger mit Ventilen, die sich bei extremen Systemtemperaturen automatisch an die Viskosität des Hydrauliköls anpassen. Die Reiger-Dämpfer scheinen quasi die Oberfläche zu lesen.
Der Goldstandard bei der Rallye Dakar

Reiger Suspension ist seit Jahren der Top-Ausrüster bei der Rallye Dakar, wobei zunächst nur Truck-Teams zu den Kunden zählten. Der große Siegeszug von Reiger bei der Dakar begann im Grunde mit einem Unfall eines Kamaz-Trucks bei der Dakar. Daraufhin stoppte das holländische DAF-Team und barg die verunglückte Kamaz-Crew.

Als Dankeschön wurde das belgisch-niederländische Team Hans Bekx zu Kamaz eingeladen. Daraufhin lud Hans Bekx die russischen Fahrer nach Holland ein, um die DAF-Trucks mit den Reiger Dämpfern zu testen. Der Rest ist Geschichte.
Seit 2005 haben Kamaz-Trucks mit Reiger-Hardware die Dakar in der Kategorie Truck 14-mal gewonnen. Dazwischen, mit Ausnahme von 2024, gewannen immer MAN- und Iveco-Trucks mit Reiger Dämpfern.

Die Dominanz der Trucks mit Reiger Dämpfern bei der Dakar fiel auch dem Q-Motorsport-Teamchef Sven Quandt auf, einer der Masterminds im Rallye Raid und insbesondere bei der Dakar. Der Teamchef rüstete seine X-Raid MINIs mit Reiger Dämpfern aus und gemeinsam überarbeiteten Q-Motorsport und Reiger die gesamte Achsaufhängung und das Lenkgetriebe der X-Raid MINI. In den Jahren 2012, 2013, 2014, 2015, 2020 und 2021 gewann X-Raid die Rallye Dakar.

Sven Quandt unterstützte 2022 auch Audi Sport bei der Entwicklung der Audi RS Q e-tron. Diese hatten 2022 und 2023 bei der Dakar ihre Feuertaufe und feierten 2024 den ersten Sieg eines Fahrzeugs mit alternativen Antriebskonzept bei der Rallye Dakar. Seit 2019 rüstet Reiger übrigens ununterbrochen die Gesamtsieger beim härtesten Rally Raid, der Rallye Dakar aus.
Seit 2021 Teil von KW automotive

Um das Lebenswerk von Gerard und Anja Seesing in die Zukunft zu führen, suchten sie nach einem Partner, der ihre Werte teilt. In Klaus und Jürgen Wohlfarth, den Gründern von KW automotive, fanden sie nicht nur Nachfolger, sondern Gleichgesinnte. Seit 2021 ist Reiger Suspension Teil der KW automotive. KW hat sich bei Straßenfahrwerken für Sportwagen, homologierten Motorsportdämpfern für die Rundstrecke und Gewindefahrwerken zum absoluten Marktführer für individuelle Fahrwerksysteme entwickelt.

Die Integration von Reiger Suspension war ein strategischer Schritt, der das Fahrwerksengineering für den Offroad- und Straßenbereich zusammenführt und ideal ergänzt. Alle Motorsportanwendungen von Reiger entstehen in der niederländischen Dämpfermanufaktur in Hengelo. Die Entwicklungsarbeit erfolgt dabei standortübergreifend in enger Zusammenarbeit mit dem KW Hauptsitz in Fichtenberg (Deutschland).

Bevor Reiger-Dämpfer im Gelände getestet werden, durchlaufen sie umfangreiche Prüfprozesse in der Entwicklung. Dazu kommt ein hochmoderner Dauerlaufprüfstand zum Einsatz, der mit fahrzeugspezifischen Telemetriedaten gespeist wird – aufgezeichnet bei realen Rallye-Einsätzen.
Anhand dieser Streckenprofile lassen sich realitätsnahe Belastungsszenarien simulieren, um die Dämpfer gezielt auf Funktion, Haltbarkeit und Performance zu prüfen. Die Testzyklen orientieren sich an der Dauer einer kompletten Rallye Dakar. Die Prüfstandtechnik ermöglicht Kräfte von bis zu 110 kN, einen maximalen Dämpferhub von 300 mm sowie Vertikalbeschleunigungen von bis zu 6,5 m/s.
Neues Offroad-Dämpferprogramm auch für Geländefahrzeuge und Pick-up-Trucks mit Straßenzulassung

In den vergangenen Jahren haben die Entwicklungsingenieure von KW und Reiger an einer neuen Generation von Offroad-Dämpfern gearbeitet, die im Laufe des Jahres 2025 eingeführt werden und zum Teil schon erhältlich sind.

Zu den ersten Neuerscheinungen zählt ein 4-Wege-Offroad-Dämpfer auf Basis des KW Solid Piston Designs, der eine außergewöhnliche Fahrdynamik sowohl auf befestigten als auch unbefestigten Straßen ermöglicht. Der Reiger SP-RC 3.0 Dämpfer wird zunächst für Modelle wie den Ford Ranger, Isuzu D-Max und Toyota Hilux verfügbar sein. Weitere Fahrzeuganwendungen sind bereits in Entwicklung.
Eine weitere Neuheit ist der Reiger MT-RC 2.5 Monotube-Dämpfer. Dieser stammt direkt aus dem Offroad-Motorsport und ist dreifach einstellbar. Optional ist er mit hydraulischen Druckanschlägen erhältlich und für härteste Einsatzbereiche optimiert. So verfügt er über dieselben Ventile wie die bei der Rallye Dakar eingesetzten Dämpfer. Alle diese neuen Anwendungen bieten eine Höherlegung von bis zu 60 Millimetern, abhängig vom Fahrzeug.

Mit der gebündelten Erfahrung aus Jahrzehnten im Motorsport und modernster Technologie sind Reiger und KW bestens aufgestellt, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Ob Rallye, Offroad oder Serienfahrzeug – die nächste Generation von Fahrwerken wird intelligenter, robuster und leistungsfähiger sein als je zuvor.
Fotos KW, Reiger, MM Production, Audi, BMW, Ford, Toyota, Text C. Schmidt






