„Hardcore-Golf“ – ein R32 mit Doppel-Webervergaser

Seit etwas mehr als zwei Jahren haben Andreas Schwarzmeier und Thomas Müller von KTS Fahrzeugtechnik ein ganz heißes “Show&Shine-Eisen” im Feuer: einen schnörkellosen Golf 4.

Am Wörthersee 2015 schlug damals dieser in zeitloses “Marathonblau Metallic” lackierte Golf 4 richtig ein. Am auffälligsten natürlich die brutale Tiefe und die coolen Magnesium-Räder aus dem Porsche Cup. Und schon war die Diskussion entfacht.

Motorsportfelgen an einem brutal auf den Boden abgelegten Golf: Das geht doch nicht, echauffierte sich die „Facebook-Expertenrunde“ als die ersten Bilder auftauchten. Noch mehr Blut leckten sie, als Andreas dann noch verriet, dass der Golf 4 ein R32 ist.

Die Fanboys des R32 suchten verzweifelt nach Argumenten, wieso der 4er nicht mehr sein R32-Aerodynamikkleid trägt oder noch besser: Warum sind die Stoßleisten nicht lackiert? Tja, dann kennen wohl viele nicht den Hintergrund, warum dieser Golf 4 R32 so einmalig ist.

Dank Kaltverformung zum „Hardcore-Golf“

Der Wagen war ein Wrack. Ein kapitaler Totalschaden für jeden Versicherungsgutachter, aber nicht für KTS Karosserietechnik. Durch den Unfallschaden war die gesamte Frontpartie des R32 im Eimer. Auch der Motor samt Achse war nicht mehr zu retten und selbst der Rahmen lohnte sich nicht mehr wirklich zu reparieren. Kurzerhand beschlossen die Franken auf die R32-Wiederbelebung zu verzichten und die Antriebstechnik „zurückzurüsten“.

Ein betagter 2,0-Liter-16V mit 136 Sauger-PS machte das große Rennen. Der damals in Corrado, Jetta und Co. installierte Motor wurde komplett restauriert und alle Verschleißteile erneuert. Damit der 16V mehr Biss an der Kette hat, wurde der Zylinderkopf bearbeitet. Für den Kühlkreislauf griff man auf einen Wärmetauscher mit Ausgleichsbehälter aus dem Golf 1 zurück.

Vom Golf 2 16V stammt die Zündung und die Gemischaufbereitung läuft ganz „old school“ über 45er Weber Doppelvergaser. Komplettiert wird das Motortuning noch mit einem Ziegler-Rennsport-Ansaugkrümmer und für die Elektronik nutzt KTS einen modifizierten Golf 4 1.6 Liter Kabelbaum.

Bevor aber der auf etwa 180 PS erstarkte 2,0-Liter-16V mit seinen beiden Weber-Vergasergeschützen mit dem Golf 4 verheiratet wurde, erfuhr die Golf 4 Rohkarosse eine langwierige Rahmenoperation samt zahlreichen Cleanings.

Die Front wurde mittels eines Rahmens vom Golf 3 neu aufgebaut. Dazu kamen selbst gefertigte Kotflügel mit weit ausgestellten Radläufen und die gesamte Original-Golf-4-Ausrüstung (Serienfrontschürze, Motorhaube, Grill, Scheinwerfer).

Damit in den Augen der Andy-Pfeffer-Freunde auch die Tiefe stimmt, änderte KTS Karosserietechnik gleich die Rahmen- und Achsgeometrie. Im Vergleich zur Serie, ist der vordere Längsträger in etwa 85 mm höher gesetzt, so kommt die Karosserie durch das spezielle Gepfeffert Gewindefahrwerk noch tiefer – und der Golf entfernt sich noch weiter von einer Straßenzulassung.

Das „Gepfeffert-Fahrwerk“ gibt es exklusiv nur bei Gepfeffert.com und die bayerische „Pfeffer-Gang“ kümmert sich auch um den gesamten Vertrieb und Service beim Fahrwerk. Als Vorderachse kommt eine GTI-Achse mit angepassten Stabis zum Einsatz. Das Lenkgetriebe lieferte ein Golf 2. Servolenkung? Nicht vorhanden. Schließlich ist der radikale Golf 4 von KTS nichts für Schattenparker und die Straße.

Auch die Golf R32 Hinterachse wurde für die in Angriff genommene gepfefferte Fahrwerkoperation abgeändert. Übrigens mit einem Getriebe vom großen Golf 4 20V samt Sachs-Kupplung wurde der überarbeite 16V-Motor mit der KTS-Golfkarosserie verheiratet.

Deshalb mussten auch der Abgaskrümmer und das vom ABF-Motor stammende Hosenrohr angepasst werden. Ab dem Hosenrohr regelt eine Eigenbau-Komplettauspuffanlage mit 60 mm Durchmesser das furiose 16V-Klanggewitter.

Kompromisslose Tiefe für die neue Stance-Dimension

Durch das Pfeffer-Fahrwerk mit seinen Domlagern und dem scharfen Sturz tauchen an der Vorderachse die ultraleichten Magnesium-Räder in 7,5 x 18 Zoll ET44 dermaßen weit in die Radhäuser ein, dass man seinen Augen nicht trauen möchte.

Damit die aus dem Porsche Cup stammenden BBS überhaupt an den Golf montiert werden konnten, mussten erst noch Adapterplatten montiert werden. Über die 7,5 Zoll breiten Räder spannen sich flache 165/40er (!) Achilles Reifen. Auch am Heck gibt es breitere Kotflügel für die maximal in den Radhäusern versenkten 9,5 x 18 Zoll BBS Magnesium-Räder. Mit diesem Stance-Setup hat KTS Karosserietechnik ein starkes Zeichen in Richtung der VAG-Szene in UK und USA gesetzt.

Und hier entbrennt sich dann spätestens wieder die bereits schon eingangs erwähnte Diskussion, über die allzu tiefen (Wörther)See-Ungeheuer, die im Rausch der Tiefe viele von der Performance-Fraktion vor den Kopf stoßen oder den See-Fahrern, die noch auf den eigenen vier Rädern zum See reisen.

Dezent aus Überzeugung

Durch seinen minimalistischen Style mit den auf den ersten Blick kaum zu sehenden Karosseriemodifikationen schlägt der tiefe KTS-4er auch so hammermäßig in der Szene ein. Viele finden die von Andi Schwarzmeier und Thomas Müller durchgezogene Optik einfach rattenscharf. Während viele ihre Golf 4 gerne optisch als R32 auftreten lassen, patrouillieren sie mit ihrem VW lieber als dezenter Underdog.

Wobei ihr Vierer durch den massiven Tiefgang, Sturz und den wunderschönen Klang des Saugers mit seiner Webervergasern für feuchte Shorts und Höschen sorgt. Feuchte Hände bekommt man dazu im Innenraum. Zwar ist dort alles noch im R32 Serienzustand, aber die KTS Jungs sorgen durch ein geschüsseltes OMP Sportlenkrad für das richtige Flair in ihrem tiefen „Radical Golf“. Nicht zu vergessen, bei der Tiefe und ohne Servo bekommt man selbst beim Fahren mehr als nur feuchte Hände.

Fotos Igor Vucinic, Vau-Max.de
YouTube-Video VW Home
Text Nick K. Hofmeister

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